Prof. Dr. Eckart Severing

Beitrag zum Fachtag „Berufsbildung 4.0“ am 27.04.17 in Hamburg

Berufsbildung 4.0

Die Digitalisierung betrifft die Berufsbildung schneller und durchgreifender als andere Bildungsbereiche. Sie hat unmittelbare Auswirkungen auf die Facharbeit in vielen Berufen, daher auf die Berufsbilder der Zukunft und auf die Qualifikationen und Kompetenzen, die zu vermitteln sein werden.

In vielen Berufen auch außerhalb der eigentlichen IT-Berufe werden Informations- und Kommunikationstechnik essentiell: IT- und Medienkompetenzen werden zur daher notwenigen Grundlage für den Beruf – und meist treten sie nicht einfach zu den bisherigen Lerninhalten hinzu, sondern verändern diese grundlegend. Berufsbildung 4.0 bedeutet in vielen Berufen, dass Anforderungen komplexer werden. Auf der anderen Seite steht, dass manche Berufe auch einfacher werden: Zunehmend werden kognitive Tätigkeiten automatisiert. Das kann zur Dequalifizierung von Facharbeit führen.

Bei Berufsbildung 4.0 wird es aber keineswegs nur um Veränderungen der beruflichen Inhalte gehen, sondern ganz wesentlich auch um neue Formen des Lehrens und Lernens; das betrifft dann die Ausbildung in allen Berufen.

Erstens trennt sich das Lernen mit digitalen Medien zusehends von Unterrichtskontexten. Die Mobilisierung von Endgeräten und die Digitalisierung von Arbeitsumgebungen befreit das berufliche Lernen aus dezidierten pädagogischen Arrangements. Gelernt wird am Arbeits- und Ausbildungsplatz, en passant während der Arbeit, in den Nischen des Arbeitstages und in der Freizeit. Nicht mehr überwiegend in Unterrichtsräumen. Zugleich integrieren sich die digitalen Lernmedien in Medien anderer Provenienz: in die IT am Ausbildungsplatz, in Communities im Netz, in Computerspiele und Unterhaltungsmedien. Zusammengefasst: Mit digitalen Medien entgrenzt sich berufliches Lernen; es ist nicht mehr ein Addendum zum Unterricht in der Berufsschule, sondern verselbstständigt sich.

Zweitens finden digitale Medien in der Berufsbildung auch außerhalb des eigentlichen Lernprozesses Anwendung: zum Beispiel bei der Motivation von Schülerinnen und Schülern über soziale Medien, in der Studien- und Berufsberatung, bei Prüfungen und Kompetenzfeststellungen, bei der Sicherung des Lerntransfers am Ausbildungsplatz oder bei Unterstützungsleistungen lange nach der Ausbildung. Aus der Sicht von Berufsbildungseinrichtungen heißt das: der Anteil digitaler Medien an der Leistungserbringung wird deutlich zunehmen.

Berufsbildung 4.0 birgt drittens didaktische Chancen und didaktische Risiken. Zu den Chancen: Mit Lernangeboten im Netz können Hürden abgesenkt werden, die das Format des Unterrichts mit sich bringt. Individualisiertes Lernen wird vereinfacht, in das die Schülerinnen und Schüler ihre ganz unterschiedlichen Vorkenntnisse, Kompetenzen und Sprachniveaus einbringen können. Für viele medienaffine junge Lernende sind Online-Angebote attraktiver und leichter handhabbar als Seminare und Fachbücher. Auf der Seite der Risiken steht: Lernen mit digitalen Medien ist vielfach selbstgesteuertes Lernen. Das setzt einen Grad von Lernmotivation und Lerndisziplin voraus, den nicht alle Schülerinnen und Schüler ohne weitere Unterstützung aufbringen werden. Auch muss konstatiert werden, dass die Angebote für digitale Lernmedien bisher weniger den beruflichen als den allgemeinbildenden und den akademischen Bereich abdecken und vor allem den Bedarf gut vorgebildeter und ambitionierter Lernender. Es bedarf neuer Konzepte einer aktivierenden Didaktik für eine mediengestützte Berufsbildung, die alle ihre Adressaten erreicht.

Das führt zu einer Forderung: Wenn bildungspolitisch avisierte Effekte wie zum Beispiel eine stärkere Individualisierung der Berufsbildung, wie eine kompensatorische Berufsbildung für formal niedrig Qualifizierte und Flüchtlinge und wie eine Verstetigung des Lernens auch am Ausbildungsplatz erreicht werden sollen, dann sind entsprechende Konzepte und ihre Umsetzung stärker zu fördern. Der bestehende Markt der digitalen Medien allein bedient die zahlungsfähige Nachfrage der bereits gut Gebildeten und der leicht Integrierbaren und kaum die Nachfrage der Menschen mit geringeren Teilhabechancen, die berufliche Bildung in digitalen Formaten noch nötiger hätten.

 


Prof. Dr. Eckart Severing
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Was

Fachtag Berufsbildung 4.0

Wann

27. April 2017

Wo

Berufliche Schule für Medien und Kommunikation Eulenkamp 46
22046 Hamburg

Veranstalter

HIBB
Hamburger Institut für
Berufliche Bildung 
Hamburger Str. 131
22083 Hamburg

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Fax: 040 427 311 494

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